Von Westpreußen über die Ukraine und Paraguay nach Deutschland
Am 6.7.2026 gab es erstmals eine mennonitische Überlebensgeschichte, die von Westpreußen nach Südrussland (heute Ukraine) führte, dann in den Wirren des 2. Weltkriegs nach Deutschland und von Bremerhaven mit den beiden Schiffstransporten der Volendam weiter nach Paraguay führte. Willi Ediger ist in Paraguay geboren, mit 3 Jahren nach Deutschland gekommen und lebt seit 1980 mit seiner Familie auf dem Kühbörncheshof bei Kaiserslautern. Dieser Bericht kann nur die wichtigsten Fakten, nicht das im Vortrag aufscheinende Erleben der Menschen in den wirren, lebensbedrohenden Zeiten wiedergeben.
In der Mennonitischen Forschungsstelle Weierhof erfuhr Willi Ediger, dass es um 1600 an der Mosel in dem Ort Ediger, heute Ediger/Eller an der Mosel, einen Täufer gab, der den Ort verlassen musste. Ob er den Weg nach Westpreußen fand, ist unbekannt. Willi Edigers Vorfahren lebten vermutlich in dem Ort Rudnerweide, Landkreis Stuhm, Marienwerder in Westpreußen, als das gesamte Dorf auswanderte und in der Kolonie Molotschna, Ukraine, den Ort Rudnerweide 1820 neu gründete.
1943 flohen Willi Edigers Großeltern mit der Familie vor den Russen bis nach Dresden, 2.585 km weit. Seine Tante Katharina, die heute noch lebt, hat ihre Geschichte aufgeschrieben, aus der Willi Ediger ein Stück vortrug. Sie nahm an dem Zoom-Abend teil. Willi Edigers Vater Hans (1925-2005) überlebte im Militärdienst, der den 19-Jährigen einen Unterschenkel kostete und am 8.10.1944 in amerikanische Kriegsgefangenschaft nach Oklahoma ins Glennan Hospital führte. Am 29.12.1944 reiste er über Marseille zurück nach Frankfurt an der Oder, ging durch mehrere Lazarette in Köthen südlich von Magdeburg, wo am 15.4.1945 die Amerikaner einmarschierten. Nachdem er am 15.11.1945 aus dem Lazarett entlassen wurde, suchte er ohne Ergebnis seine Familie. Er lernte Schuhmacher und arbeitete beim Amerikanischen Hilfswerk in der Mennonitengemeinde Krefeld. Im Oktober 1948 reiste er mit der 2. Fahrt der Volendam nach Paraguay. Dort lernte er seine Frau Elli Löwen in der Kolonie Volendam kennen. Sie heirateten am 15.10.1949.
Willi Edigers Mutter Elvira / Elli Löwen (1929–2011) war in der Ukraine in der Kolonie Molotschna im Dorf Schönau geboren. Auch ihre Familie floh vor den Russen bis in den russisch besetzten Teil Deutschlands. Elli Löwen selbst war zu der Zeit als junges Mädchen dienstverpflichtet auf der Schwäbischen Alb im Landdienst bei einer Familie, zu der sie zeitlebens engen Kontakt hielt. Elli Löwen fand ihren Vater, der in einem Lager in Westberlin untergekommen war, mit Hilfe des Suchdienstes vom Roten Kreuz. Sie beschlossen, gemeinsam mit der 1. Fahrt der Volendam im Februar 1947 nach Paraguay auszuwandern. Erst im allerletzten Moment ließen die Sowjets den Zug von Berlin durch die sowjetische Besatzungszone nach Bremerhafen fahren, so dass beide zusammen in Paraguay ankamen und in der Kolonie Voldendam siedelten.
Mit der ersten Fahrt der Volendam 1947 kamen 2.303 und mit der zweiten 1948 nochmals 1.693 Menschen nach Südamerika. Die Listen mit den Namen der Auswanderer sind erhalten und liegen im Archiv des Mennonitischen Geschichtsvereins.
Mit Fotos vermittelte Willi Ediger Eindrücke u.a. von der Rodung des Urwalds, der Hochzeit und dem ersten Haus mit Schuhmacherwerkstatt. Willi ist dort 1950 und seine Schwester Hannelore 1952 geboren. 1953 entschied sich die Familie, nach Deutschland ins Rheinland zurückzukehren, wo sein Vater Kontakte hatte. 1965 zog die Familie in die neue Mennoniten-Siedlung nach Bechterdissen, wo die Nähe zur Kirche wichtig war. Willi Ediger lernte Landschaftsgärtner und studierte Gartengestaltung und Landschaftspflege mit Abschluss Ingenieur. In Bechterdissen in der Jugendstunde lernte er 1971/72 seine Frau Irmtraud Koller vom Kühbörncheshof kennen. Sie machte ein soziales Jahr in der Anstalt von Bethel/Bielefeld. Sie heirateten 1977 und lebten zuerst in Gießen, wo Willi Ediger eine Arbeitsstelle hatte. Seit 1880 lebt die Familie auf dem Kühbörncheshof und arbeitet in der Mennoniten-Gemeinde Kühbörncheshof mit.
Nach dem Vortrag gab es einen langen intensiven Austausch der Teilnehmenden, zu der auch die Tante Katharina und ihre Tochter Tina gehörten. Die Aufzeichnung des Zoom-Vortrags und weitere Informationen gibt es bei WilliEdiger@gmx.de und elisabeth.kludas@t-online.de
Am 3.8. und 7.9.2026 ist Sommerpause. Am 5.10.2026 erzählt Naemi Fast aus Frankenthal die Geschichte ihrer Familie in Russland bis zur Aussiedlung nach Deutschland.
Wie immer von 19:30 – 21 Uhr, Einwahl über https://www.mennonitischer-geschichtsverein.de/mennonitische-familienforschung-per-zoom/